Wenn sie sich mit den Menschen beschäftigen, deren Schwierigkeiten darin bestehen einfache Bewegungen auszuführen, werden sie ganz schnell daran erinnert, wofür das Gehirn in allererster Funktion gedacht ist.
Als ein Überlebensorgan, sonst erst mal nichts!
Es nimmt Informationen auf, verarbeitet sie und seine Reaktionen sind im wesentlichen auf das Überleben ausgelegt. Vom limbischen System beeinflusste motorische Funktionen, dienen in erster Linie dazu, auf Basis von Gefühlen und Aufmerksamkeit, schnell auf drohende Gefahren zu reagieren. Die Aufmerksamkeit wird von unserem Gehirn genutzt um die innere und vor allem auch die äussere Umwelt zu überwachen. Es ist notwendig um das Wichtige und Unwichtige voneinander zu unterscheiden. Die Gefühle dagegen nutzt das Gehirn um schnelle Entscheidungen zu treffen, denn Gefühle beruhen auf Wertvorstellungen und Bedürfnissen z.B. nicht als Mahlzeit eines Säbelzahntigers zu enden. Im Zwischenhirn/Limbischen System sitzt ein Warn- & Aufmerksamkeitssystem namens „Kampf-oder-Flucht“. Bei näherem Verständnis wird schnell deutlich, warum Aufmerksamkeit, Emotionen und ihre motorischen Fähigkeiten so zusammen arbeiten, wie sie es tun.

Stellen sie sich vor, sie gehen Abends im dunkeln vom Kino zum schlecht beleuchteten Parkplatz, um mit dem Auto nach Hause zu fahren. Sie sind allein, hinter ihnen knirscht es, das knirschen kommt näher … Diese Knirschgeräusche werden als Signale schnell an ihr Gehirn weitergegeben. Ein paar Hirnzellen werden hellhörig und fragen: „Was sind das für Knirschgeräusche ? Woher kommen die ? ALARM !
Ihr vegetatives Nervensystem überwacht ihre Lebensfunktionen und sendet im Normalfall Neuronen aus, um ihr Herz, ihre Lunge, ihren Magen, ihre Genitalien usw. zu regulieren, das Stammhirn hat alles im Griff, ohne dass sich das Großhirn aktiv mit diesen Vorgängen beschäftigen muss. Schlagen nun allerdings die vorgenannten Hirnzellen Alarm, wird kurzzeitig der Herzschlag, Atmung und andere Körperfunktionen unterdrückt. Es werden alle Systeme beruhigt um dem Großhirn die Möglichkeit zu geben die Informationen zu sammeln und zu bearbeiten, auch körperliche Reaktionen werden kurzfristig verzögert. Im nächsten Augenblick jedoch werden Puls, Blutdruck und Atmung hochgefahren um die Muskeln besser zu durchbluten und man somit bereit ist für Kampf oder Flucht.
Stellt das Gehirn fest, dass die Knirschgeräusche von einem schweren Ast im Wind stammen, dann wird der Blutdruck wieder runter gefahren, und auch das Herz schlägt wieder normal. Kampf oder Flucht wird ersetzt durch Nachdenken. Wenn hingegen die Knirschgeräusche von schweren Springerstiefeln stammen, in denen kräftige Männer stecken und sie mit einem leicht wirren Blick ansehen, dann wird das Denken direkt ausgesetzt und wieder durch das Kampf-oder-Flucht System ersetzt. Alles fährt wieder auf hochtouren.

Wie sensibel diese, ihre Systeme reagieren, hängt im wesentlichen davon ab, wie ihre persönliche Lebensgeschichte aussieht, ihre Sozialisation, ihr Charakter, ihr individuelle Persönlichkeitsstruktur.
Dieser individuelle Reaktionsmechanismus kann auch Leistungsangst auslösen. Stellen sie sich vor, sie stehen vor einem großen Publikum und sollen eine Rede halten. Sie gehen auf die Bühne und bekommen die Meldung, „ich bin nervös“, „ich bin nervös“, „ich bin nervös“! Der Blutdruck steigt, die Muskeln sind bereit und das Gehirn kommt auf die Idee aus dem „ich bin nervös“, die Meldung zu machen „ich bin nervös, das ist ganz schlecht, schlimme Information“, „ich bin nervös, das ist ganz schlecht, schlimme Information“, „ich bin nervös, das ist ganz schlecht, schlimme Information“! Eine Angstspirale beginnt, eine Angstschleife gibt dauerhaft ein Warn-Feedback. Das Großhirn wird ausgeschaltet – die Gedanken sind weg, die Sprache auch, die motorischen Befehle des Großhirns an Mund und Stimmbänder fallen ersatzlos aus. Panik! Nichts geht mehr.

Es gibt genügend Menschen die dauerhaft solche Situationen überstehen müssen und greifen auf Drogen, Medikamente oder Alkohol zurück – Mittel die eine Muskelentspannung bewirken, das Kampf-oder-Flucht System lahmlegen oder beruhigen. Bleibt es allerdings bei dem sogenannten Lampenfieber, ist es gerade in solchen Fällen hilfreich, denn sie werden feststellen, dass der Vortrag oftmals leidenschaftlicher und emotionaler wird und somit authentischer und glaubhafter.