Die Geschichtsschreiber berichten, dass im Lande Hormuz ein gewisser Nachod lebte, der einen Sohn hatte. Als letzterer in sein dreizehntes Jahr getreten war, hatte er sich schon allen möglichen Sünden und Lastern ergeben und fand unter anderen Greueln auch an dem Würfelspiel Wohlgefallen.

Alle seine Verwandten und Angehörigen schämten sich deshalb seiner; endlich gab einer von ihnen dem Nachod den Rat, achtzig im freien Felde aufgewachsene und mit den Lastern der Städte unbekannte fromme Männer aufzusuchen und sie mit seinem Sohne in ein Haus einzusperren.

So, meinte er, würde aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Umgang auf ihn einen guten Eindruck machen und er von seinem schlechten Wandel ablassen. Nach diesem Rate suchte nun Nachod achtzig fromme Männer auf, die er unter tausend Versprechungen reichlicher Belohnung auf achtzig Tage mit seinem Sohne in ein Haus einsperrte, wo man ihnen Speise und Trank von draußen hineinreichte.

Um es kurz zu machen: nach achtzig Tagen öffnete man die Tür und forschte nach dem Zustande der gefangenen, ob die Frömmigkeit der achtzig wohl auf den Burschen Eindruck gemacht und er von seiner Lasterhaftigkeit abgelassen habe. Aber siehe da, die Frömmigkeit hatte auf den Burschen keinen Eindruck gemacht, und umgekehrt hatte sein Laster auf die achtzig Frommen eine solche Wirkung gehabt, dass sie samt und sonders zu Sündern und Würfelspielern geworden sind.

Weihnachten-JH-13Ich habe früher gerne Märchen gelesen oder vorgelesen, denn es gab immer irgendetwas zu lernen, meist mit einfachen Worten und Geschichten, manchmal auch etwas philosophisch verpackt oder sogar so kompliziert und spannend wie ein Krimi.

Diese Geschichte von Nachod und seinem Sohn allerdings ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, nicht weil ich einen vergleichbaren Sohn hätte, nein – weil mir die unterschiedlichen Fragen dazu heute wieder einmal in den Sinn gekommen sind.

Dieses Jahr standen wir privat, wie auch geschäftlich mal wieder vor vielen Herausforderungen und da gibt es auch einmal Tage, gerade jetzt kurz vor den Feiertagen, an denen ich mich schon mal mit Vergangenem befasse. Aus irgendeinem Grunde, viel mir diese alte orientalische Geschichte wieder ein.

Vor allem die vielen Fragen, die vielen unterschiedlichen Standpunkte die ich dazu noch im Kopf habe.

v  Papa, was ist den eigentlich eine Sünde und wer bestimmt das?

v  Papa, wir würfeln doch auch – ist spielen was Verbotenes?

v  Papa, woher wusste denn der Mann, welche Männer fromm waren?

v  Papa, wenn die doch so fromm sind, warum brauchen die eine Belohnung?

v  Papa, warum hört die Geschichte auf, ohne zu sagen, wer beim Würfeln gewonnen hat?

Alle anderen habe ich nicht mehr so präsent. Nehmen wir die Fragen mal unabhängig von der Geschichte, könnte man sie an sich, auch unabhängig davon stellen:

Was ist denn eine Sünde und wer bestimmt das? Grundsätzlich ist  eine Sünde speziell im Christentum, Judentum und im Islam ein Begriff für den unvollkommenen Zustand des von Gott getrennten Menschen und dessen falsche Lebensweisen, jedoch auch ein Begriff für eine Verfehlung (eine sündige Tat) beginnend mit einem bösen Gedanken. So sehr ich mich bemühe, bleibt es jedoch eine subjektive Definition für einen subjektiven Begriff, den jeder subjektiv unterschiedlich auslegen kann. Ich verstehe die Frage, kann sie allerdings nicht wirklich zufriedenstellend beantworten, obwohl ich die anstehenden Feiertage dazu nutzen werde – eventuell mit einem Ergebnis.

Ist spielen was Verbotenes? Manchmal weiß ich es selber nicht so genau. Spielen ist oder sollte grundsätzlich zuerst einmal eine Tätigkeit sein, die Freude macht und auch nur deshalb ausgeführt wird. Es gibt verschiedenste Arten des Spiels: Das Fußballspiel, das Computerspiel, jedoch auch das Theaterspiel, das Klavierspiel usw. Oftmals wird es in der Gemeinschaft, zusammen mit anderen Menschen ausgeführt, motorische und kognitive  Fähigkeiten werden entwickelt und geschult, auch durch Handlungsabläufe innerhalb des Spiels und deren Regeln lernen Menschen sich leichter in der Gemeinschaft zu verständigen und zu bewegen. Allerdings gibt es auch verbotene Spiele, nur wann sie verboten sind, kommt meist darauf an, wer, wann, wie damit wo am meisten Geld verdient – was mit der Spielfreude weniger zu tun hat als mit der Einnahme oder dem Umsatz. Auch hier verstehe ich die Frage, die ich jedoch auch in mein Gedankenportfolio für die Weihnachtsfeiertage  mit einschließen werde.

Woher wusste denn der Mann, welche Männer fromm waren? Frömmigkeit ist ein Begriff, der grundsätzlich ja zuerst einmal eine Haltung bei Menschen beschreibt, die den Geheimnissen und scheinbar unlösbaren Rätseln des Universums ehrfürchtig gegenüber stehen, sind also nicht unbedingt als Problemlöser prädestiniert . Im landläufigen ist es jedoch eher darauf bezogen, dass man sein Denken und Tun auf seiner religiösen Gesinnung aufbaut und sich ihr meist unterwirft. Was soll ich nun als Antwort geben, erstens, dass man einen frommen Mann unter Umständen auf dieser Basis erkennen kann, er jedoch zur Problemlösung als solches nicht kompetent genug ist oder dass es nur eine persönliche Einstellung wie jede andere auch ist und deshalb bei diesem Problem auch nicht weiter hilft? Auch dieses wird ein Rätsel sein, dessen Lösung ich mir in mein Gedankenportfolio aufnehme, denn wenn ich an die nächste Frage denke, muss ich von Grund auf beginnen.

 Wenn die doch so fromm sind, warum brauchen die eine Belohnung? Man könnte glatt vermuten, dass sie im religiösen Sinne also nicht fromm waren, eher Scheinheilig oder Bigott – und Profis würden nicht mit einem solchen Ergebnis nach Hause gehen …

Warum hört die Geschichte auf, ohne zu sagen, wer beim Würfeln gewonnen hat? Wahrscheinlich, weil uns der Dichter etwas ganz anderes damit sagen wollte und sie werden sich denken können wohin mit dieser Frage 🙂

Ich habe also meine Aufgaben gefunden für die Weihnachtsfeiertage, sie werden sich mit Sünde, Frömmigkeit, mit Lohn und Spiel beschäftigen und wenn dann der Kopf klar und mein Denken weit weg von den Gedanken der letzten Monate ist, werde ich achtsam und ruhig mein Denken auf die Menschen richten, denen ich im stillen danken möchte, derer ich gedenken möchte und ich werden mich besinnen, auf die für mich wichtigen Dinge.

Ich wünsche allen meinen Lesern eine besinnliche und gehirn-konforme Weihnachtszeit

Jonny Hofer