Am Wochenende habe ich mal wieder meine Mutter besucht. Im Grunde wird es wie immer, dachte ich auf dem Weg dorthin, jedoch war es diesmal anders. Noch nie erzählte meine Mutter mir von ihren Kindheitserinnerungen während der Zeit des zweiten Weltkriegs – warum diesmal?

Es begann damit, dass sie von ihrer Angst eines erneuten Krieges erzählte. Sie sieht die Bilder im Fernsehen und die in den Zeitungen, sie sieht die von Bomben zerstörten Häuser, kleine Kindern mit blutig-verschmierten Hemden und Hosen, zerrissenen Kleidern. Sie sieht die weinenden Eltern, die Toten auf der Straße und in den Trümmern.

Nur – die Bilder verschwimmen, denn sind es die aktuellen oder die der Vergangenheit? Im Grunde sind es beide, denn sie erscheinen ihr nicht unterschiedlich, sie sieht sie als vergleichbar, nein, sogar als gleich an. Ihre Angst, als das kleine 3-jährige Mädchen erstmals 1943 von der Nachbarin währen des Spiels gepackt wurde um so schnell wie möglich im 800 Meter entfernten Bunker Schutz zu suchen, ihre Angst als das kleine Mädchen mit ihren Geschwistern und der Mutter zusammengerottet im kleinen Flur der Wohnung standen, währen links und rechts die Bomben das Haus trafen, die Angst des kleinen Mädchens, als es öfter mitbekommt, dass die Erwachsenen tuschelten und später die Nachbarn nicht mehr da waren – all diese Ängste sind wieder da.

Albert Einstein sagte einmal:

„Ich bin nicht sicher,

mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird,

aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken

und Steinen kämpfen.“

 

Das kleine Mädchen von damals sieht es auch so.

Das kleine Mädchen hat seine eigenen Erfahrungen, direkt und unverfälscht, frei von Medien, Propaganda, Politik und anderen subjektiven Eindrucksmachern. Das kleine Mädchen von damals hat wieder dieselbe Angst – nicht mehr um sich, sondern um die kleinen Mädchen der Gegenwart, um die kleinen Jungen um die älteren, um die Menschen.

Blog-August-Jonny-Hofer-©-Rosemarie-HoferEs ist kaum möglich, zumindest mir nicht, meine Gefühle in Worte zu fassen von der Angst, wie ich sie erfuhr vor dem Wochenende und mit der, die ich nun verstanden habe. Sie ist noch ein wenig realer geworden.

Die Bilder die ich nun sehe, wirken noch schrecklicher als zuvor. Die Eindringlichkeit der Erzählungen und Erfahrungen eines Zeitzeugen, der keinen Grund hat etwas zu verfälschen, habe ich schon oft erlebt, jedoch nie so nah. Es gab Kriege, solange wie es Menschen gibt und nach der derzeitigen Situation kann ich mir nicht vorstellen, dass wir in absehbarer Zeit dauerhaften, weltweiten Frieden finden.

Was ich allerdings auch nicht kann – die Idee des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen aufzugeben! Ich habe lange überlegt, ob ich damit leben könnte zu denken: „…so ist es halt“ .. , – ich kann es nicht!

Was bleibt mir also?

Weiterhin fest daran zu glauben dass es möglich ist, diesem Glauben Ausdruck zu verleihen – ihn zu leben.

Jeden, den ich auch davon überzeugen kann, ist einer weniger pro Krieg und einer mehr pro Frieden – das Wort Menschlichkeit kommt mir leider in dem Zusammenhang derzeit nicht wirklich als optional-passende Bezeichnung vor.